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Fehlende Schwankungen des Kortisolspiegels bei Morbus Cushing

Die Konzentration von Kortisol unterliegt beim Gesunden tageszeitlichen Schwankungen. Dass diese Schwankungen fehlen, kann ein Hinweis auf Morbus Cushing sein und wird daher auch zur Diagnose herangezogen.

Für Ärzte und Apotheker

Diagnostik bei Morbus Cushing

Wachstum, Kreislauf, Körpertemperatur, Wasser- und Zuckerhaushalt – kaum eine wichtige Körperfunktion kommt ohne die Steuerung durch Hormone aus. Hormone sind kleine chemische Moleküle, die eine Vielzahl von Körperfunktionen gleichzeitig beeinflussen [1]. Sie legen eine Art „Grundprogramm“ für den ganzen Körper fest.

Für das Programm „Stressbewältigung“ spielt das Hormon Kortisol eine entscheidende Rolle. Dabei bedeutet „Stress“ für unseren Körper etwas anderes als das, was wir z. B. als Stress bei der Arbeit bezeichnen. Für unseren Körper ist jeder Zustand, in dem er viel Energie verbraucht, eine „Stresssituation“. Bei unseren frühen Vorfahren waren solche Situationen z. B. die ganz alltägliche Suche nach Nahrung oder die Jagd. Diese „Stressphasen“ wechseln sich mit Ruhephasen, z. B. dem nächtlichen Schlaf, ab. Um regelmäßig zwischen dem Stress- und dem Ruheprogramm zu wechseln, schwankt der Kortisolspiegel beim Gesunden im Tagesverlauf.

Fehlen diese Schwankungen und ist der Kortisolspiegel konstant hoch, kann ein Morbus Cushing die Ursache sein.

 

Die Menge an Kortisol wird vom Gehirn gesteuert

Die Kortisolmenge im Blut wird in einem Regelkreis gesteuert, an dem auch das Gehirn und die Nebennieren beteiligt sind. Erkennt das Gehirn eine bestehende oder kommende Stresssituation, bildet es vermehrt das Hormon CRH (Corticotropin-releasing Hormone). CRH regt die Zellen der Hirnanhangdrüse (Hypophyse) dazu an, das Hormon ACTH (Adrenocorticotropes Hormon) an das Blut abzugeben. Über den Blutkreislauf gelangt ACTH zu den Nebennieren, die daraufhin Kortisol bilden [2].

Dies ist zwar hauptsächlich dann von Bedeutung, wenn Phasen mit erhöhtem Energieverbrauch länger anhalten, der Körper reagiert aber auch auf „akuten Stress“ mit einem erhöhten Kortisolspiegel. Schon 20 Minuten nach einem Sprint zum Bus kann eine erhöhte Menge an Kortisol im Körper gemessen werden [4].

 

Kortisol mobilisiert Energiereserven

Einmal im Blut, beeinflusst Kortisol verschiedene Organe und Prozesse, um dem Körper so viel Energie wie möglich zur Verfügung zu stellen. Dafür werden z. B. Energiespeicher abgebaut, wodurch die Mengen an Zucker und Fett im Blut steigen [2].

Bei langandauernden Stresssituationen schaltet Kortisol den Körper darüber hinaus nach und nach in den Energiesparmodus. Das bedeutet, energieaufwändige Vorgänge im Körper, die nicht unmittelbar überlebensnotwendig sind, werden zunehmend gedrosselt [2]. Dazu gehört z. B. das Immunsystem, welches Krankheitserreger abwehrt.

Um auf das Beispiel unserer frühen Vorfahren zurückzukommen: wenn Nahrung knapp war, mussten Jäger oder Sammler oft hungernd tagelang viele Kilometer zurücklegen, bevor sie etwas Essbares fanden. In einer solchen Situation werden auch die letzten Energiereserven in die körperliche Aktivität gesteckt, die zur Nahrungsbeschaffung nötig ist. Die Abwehr von Krankheitserregern – wenngleich unter normalen Bedingungen lebensnotwendig – ist in dieser lebensbedrohlichen Situation ein Luxus, den sich der Körper nicht leisten kann.

 

Natürliche Schwankungen des Kortisolspiegels

Der Verlauf des Kortisolspiegels jedes einzelnen Menschen (Kortisol-Tagesprofil) hängt eng mit dem individuellen „Stresslevel“ und der Lebensweise zusammen. Dennoch weisen nahezu alle gesunden Menschen eine charakteristische, tageszeitabhängige Schwankung des Kortisolspiegels auf.

In der Regel wird vor allem in den ersten 6 Stunden nach Mitternacht vermehrt Kortisol gebildet. Der Körper wird dadurch optimal auf die Arbeitsphase des Tages eingestellt, in der er hauptsächlich Energie verbrauchen wird, z. B., um zu arbeiten oder Nahrung zu sich zu nehmen. Gerade um die Mittagszeit kommt es bei den meisten Menschen daher nochmals zu einer vermehrten Bildung von Kortisol. In den folgenden Stunden wird dann in der Regel kaum noch Kortisol gebildet, sodass der Spiegel zum Abend hin langsam abfällt [3]. So kann der Körper in die „Ruhephase“ übergehen, in der aufgenommene Nahrung verarbeitet und Energiespeicher wieder aufgefüllt werden können.

Beispiele für den Kortisolspiegel im Tagesverlauf bei Gesunden und bei Morbus Cushing

Abb. 1: Beispiele für den Kortisolspiegel im Tagesverlauf bei Gesunden und bei Morbus Cushing (Werte weichen individuell ab)

 

Beim Wechsel in eine Nachtschicht oder nach der Reise in eine andere Zeitzone braucht das Hormonsystem eine gewisse Zeit, um sich an die neuen Anforderungen anzupassen. Letztlich wird sich aber wieder ein ähnlicher Verlauf des Kortisol-Tagesprofils einstellen – wenn auch ggfs. mit anderen Uhrzeiten.

 

Fehlende Schwankungen von Kortisol bei Morbus Cushing

Beim Morbus Cushing produziert ein meist gutartiger Tumor der Hirnanhangdrüse (Hypophyse) ACTH. Diese ACTH-produzierenden Tumorzellen unterliegen nicht mehr dem Regelkreis, und die Nebennieren werden ständig zur Produktion von Kortisol angeregt [4]. Das typische Tagesprofil ist nur noch abgeschwächt oder gar nicht mehr vorhanden und damit ein wichtiger diagnostischer Hinweis [4].

Fehlende Schwankungen von Kortisol im Tagesverlauf können aber auch andere Ursachen haben. So wird z. B. bei ausgeprägten, langandauernden Stresssituationen auch in der zweiten Tageshälfte Kortisol gebildet [3]. Dahinter können sowohl übermäßige körperliche als auch psychische Belastungen und schwere Krankheiten stecken. Darüber hinaus gibt es Geschwulste der Nebennieren, die unabhängig von der Steuerung durch das Gehirn zu viel Kortisol bilden. Um die Diagnose Morbus Cushing zu stellen, bedarf es daher weiterer Untersuchungen.

Quellen:
[1] Benninghoff, Anatomie. Makroskopische und mikroskopische Anatomie des Menschen. Band 2. 15. Auflage – Oldenburg 1993. ISBN 3-541-00255-7.
[2] Gekle M, Markwardt F, Wischmeyer E et al: Physiologie. 2010 Thieme Verlag. ISBN 978-3-13-144981-8.
[3] Klinke R, Silbernagl S: Lehrbuch der Physiologie. 2. Auflage. 1996 Thieme Verlag. ISBN3-13-796002-9
[4] Stalla G: Therapieleitfaden Hypophysenerkrankungen. 2. Auflage. 2006 UNI-MED-Verlag. ISBN 3-89599-885-0.

Autorin: Dr. med. Sonja Hermeneit
Dies ist ein Service von Novartis Pharmaceuticals
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